Hauptbahnhofundhopp

Munich Central – Zweite Runde, Zweite Chance

Ab und zu packt mich der Ehrgeiz, dem Namen dieses Blogs mal wieder alle Ehre zu machen und tatsächlich über das Bahnhofsviertel Münchens zu schreiben. Dann besuche ich zum Beispiel mehrmals das Kammerspiel-Projekt Munich Central in der Goethestraße, mache Fotos und Notizen, die dann so lange in der Schublade liegen, bis die Veranstaltungsreihe vorbei ist, das Munich Central seine Türen schließt und mein geplanter Blog Post irrelevant wird. Abgelegt unter „Tücken des privaten Bloggens, wenn man gleichzeitig noch 4 andere Blogs beruflich zu betreuen hat“ und vergessen…

…bis ich erfuhr, dass Munich Central in die zweite Runde geht und mir somit eine zweite Chance gibt, doch noch darüber zu berichten. Vom 10. bis zum 27. September wird es in der Goethestrasse wieder Veranstaltungen, Konzerte und durchgehenden Bar-Betrieb geben. Die Kammerspiele-Website wird momentan umgebaut und ist für Informationen kaum zu gebrauchen, aber das volle Programm findet sich auf der Import-Export-Seite (extrem ungünstiger Name, wenn man bei Google gefunden werden will…)

Viel interessanter als die Veranstaltungen sind aber ohnehin der raumfüllende Stadtplan, auf dem die „Sehenswürdigkeiten“ im Bahnhofsviertel verzeichnet sind und erläutert werden. In einer bestimmt außergewöhnlichen und spannenden Recherche im Viertel wurden Geschichten und Orte gesammelt und – teils von den Menschen im Viertel selbst, teils von den Ausstellungsmachern – dokumentiert. Allein mit der Begutachtung der Karte könnte man Stunden verbringen.

Vieles weiß man als Münchner schon und freut sich trotzdem über die Entdeckung der Verweise auf das erste türkische Restaurant Münchens, das Tonnadel-Paradies in der Landwehrstraße und die ersten Computerläden der Stadt in der Schillerstraße. Vieles war mir neu, zum Beispiel dass Arnie Schwarzenegger am Anfang seiner Karriere in einem lokalen Fitnessstudio trainierte, dass das Gap tatsächlich die letzte Nachkriegsbaracke Münchens ist (aber nicht mehr lang) und dass die Schillerstraße – eben wegen der vielen Computerläden – auch Schillicon Valley genannt wurde.

Besonders berührend sind die handschriftlichen Beiträge der Menschen, die im Bahnshofsviertel wohnen und arbeiten, die von „Deutch Unterricht“, von der Aufgabe der Bahnhofsmission, der Arbeit als Tagelöhner und dem Leben als „Landwehr Profi“ berichten – und die trotz allem überzeugt sind, dass alle „gemeinsam und friedvoll in der beliebten Goethestraße in München“ leben können. Das wäre doch mal ein Beitrag zur Integrationsdebatte.

Die Karte kann man sich ganz in Ruhe anschauen und die Zusammenhänge zwischen den in der Karte markierten Punkten, den dazu gehörigen Notizzetteln und Ausstellungsobjekten erforschen.


Den Besuch sollte man unbedingt mit dem ebenfalls im Rahmen vom Munich Central erarbeiteten begehbaren Hörspiel verbinden. Am besten nach der Besichtigung des Stadtplans einen der MP3 Player an der Theke ausleihen und die frischen Eindrücke gleich mitnehmen auf einen kleinen Spaziergag durchs Viertel, bei dem immer wieder typische Bahnhofsviertel-Geräusche die Erzählung unterbrechen und untermalen.

Damit dieser Beitrag nicht abdriftet in eine Lobeshymne auf Munich Central, habe ich auch einige Kritikpunkte:

Die Ausstellung, die Veranstaltungen und das ganze Projekt wurden scheinbar nur über die üblichen Kammerspiele-Kanäle beworben, was in diesem Fall der völlig falsche Weg ist. Im Juni, als das Munich Central zum ersten Mal Eröffnung feierte, hatte kaum jemand davon gehört. Die Veranstalter hätten sich ruhig eine Scheibe von einer anderen künstlerischen Zwischennutzung eine Scheibe abschneiden und stärker auf Social Media setzen können. Die Munich Central Facebook Page hat kümmerliche 157 Fans und wurde Mitte Juni zuletzt aktualisiert. Man vergleiche das mit den knapp 8000 Fans von Puerto Giesing, deren Seite mehrmals täglich aktualisiert wird.

Gerade aufgrund dieser unverständlichen Werbestrategie fühlte man sich bei Munich Central dann auch des öfteren ein bisschen wie der Bildungsbürgertourist beim Präkariats-Kucken. Schöner wäre es, wenn die Nachbarn und Mitbürger aus dem Viertel auch mitfeiern würden, statt sich nur über die Bank vor der Tür – eine der wenigen Sitzgelegenheiten auf den Straßen des Bahnhofsviertels – zu freuen.

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