Hauptbahnhofundhopp

Spenden, sortieren, Flüchtlingen helfen bei der Diakonia München

Nach den vielen sinnvollen, richtigen, nachdenklichen und klugen Artikeln, Videos und Diskussionen zum Umgang mit Flüchtlingen im Allgemeinen, hier mein ganz konkreter Beitrag: Ein Erfahrungsbericht zur Spendensortierung bei der Diakonia München. Seit ich dort ehrenamtlich angefangen habe, höre ich immer wieder die gleichen Fragen, seit einigen Wochen hat das Interesse stark zugenommen. Wie funktioniert das Ganze, wie kann man sich anmelden, und ist das wirklich eine sinnvolle Hilfe?

Eins vorweg:

In erster Linie sind die Flüchtlinge, die in diesen Tagen zu tausenden in München ankommen, eins: Gäste in unserer Stadt. Wir platzen jedes Jahr aufs Neue vor lauter Stolz, wenn Millionen von Besuchern aus aller Welt zum Oktoberfest kommen. Nicht nur, weil sie Geld mitbringen, sondern weil es mal wieder beweist, wie schee’s bei uns doch is. Weil es uns bestätigt in unserem Selbstbild von der Weltstadt mit Herz, wo Menschen aus aller Welt friedlich zusammen feiern können. Genau so positiv sollten wir jetzt auch die Flüchtlingswelle betrachten. Die Menschen kommen her, weil sie denken, dass es ein schöner, sicherer Ort ist, wo sie Zuflucht finden können. Wir sollten stolz darauf  sein, diesen Ort unser Zuhause zu nennen. Wir sollten uns glücklich schätzen, das Deutschland nicht mehr ein Land ist, aus dem Menschen fliehen müssen, sondern in das Menschen fliehen wollen*. Wir sollten sie mit der gleichen Herzlichkeit empfangen, mit der wir auf der Bierbank Platz für Amerikaner, Australier und Italiener machen.

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Seit Januar bin ich regelmäßig in der Annahmestelle der Diakonia, um die Spenden zu sortieren, die den Flüchtlingen zugute kommen sollen. Im tiefsten Winter, als Flüchtlinge schon vorübergehend in Zelten untergebracht werden mussten, weil man in Bayern schlicht überfordert war, schien die Situation schon überwältigend. Irgendwie wollte ich irgendwo irgendwas helfen, aber bitte möglichst flexibel und unkompliziert. Glücklicherweise macht die Diakonia München Flüchtlingshilfe es einem sehr leicht, mit einer schönen, übersichtlichen Website und Online-Anmeldung.

Diakonia-spenden-sortieren-münchen-kalenderIch habe mich gegen die Spenden-Ausgabe in der Bayernkaserne entschieden, weil die Spenden-Annahme, damals noch in der Dachauerstraße, für mich günstiger gelegen war.  Die Anmeldung war, Doodle-Style, mit wenigen Klicks erledigt.

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Ich wusste nicht so recht, was mich bei der Spenden-Sortierung erwartet, also habe ich einen Freund geschnappt, der mir beim ersten Versuch zur Seite stand. Das ist zwar durchaus eine gute Idee, dann hat man moralische Unterstützung und jemanden zum Ratschen, aber man kann sich auch alleine hin trauen.

Am ersten Tag waren wir zwei von drei „Neulingen,“ in den folgenden Wochen waren immer mal wieder zwei, drei andere Ehrenamtliche da, aber selten waren alle Sortiertische belegt. Im Sommer wurden es mehr Helfer, ab Sommerferienanfang kamen Mütter mit ihren schulpflichtigen Kindern, aber sonst war das Publikum durchweg bunt gemischt.  Bis Ende August waren meistens ca. 10 Helfer pro Tag in der Spendensortierung (die inzwischen ins Moosfeld umgezogen war. Dann kamen am vergangenen Montag 2.000 Flüchtlinge auf einen Schlag am Hauptbahnhof an und plötzlich kannte die Hilfsbereitschaft keine Grenzen mehr. Für die kommenden Wochen sehen die meisten Tage bei der Diakonia so aus:

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Schon am Dienstag wurde ein Spendenstopp ausgerufen. Statt dessen wurde um Mithilfe beim Sortieren gebeten – und die Münchner folgen dem Aufruf offenbar in Scharen. Das ist fantastisch und ich bin glücklich, stolz und ein kleines bisschen tränengerührt, dass ein einziger klarer Call to Action so viel Gutes bewirken kann. Doch auch dieser Ansturm wird nicht ewig anhalten. Spätestens wenn die Sommerferien zuende gehen, wird Vielen schlicht die Zeit fehlen. Wer dann immer noch Lust hat, bei der Spendensortierung zu helfen, den erwartet Folgendes:

  1. Riesige Berge von Kleiderspenden
  2. Die Menge von Textilien, die gespendet wird, ist einerseits überwältigend, andererseits ist es beschämend, wie viele Klamotten entsorgt werden, weil wir natürlich alle miteinander viel zu viel Scheiß kaufen. Shopaholics, die einen kalten Entzug planen, sind hier genau richtig, denn nichts motiviert mehr zum Konsumverzicht als der Anblick von so viel Verschwendung.

  3. Haufenweise Schrott
  4. Nicht Wenige missbrauchen Kleidercontainer offenbar als Mülltonnen, frei nach dem Motto „wenn die Flüchtlinge hier mit Nichts auftauchen, dann ist mein Abfall immer noch mehr als das, was sie vorher hatten.“ Deswegen trägt man beim Sortieren Handschuhe (die natürlich von der Diakonia bereitgestellt werden).

  5. Wunderschöne Fundstücke
  6. Ab und zu kommt einem aber ein Teil in die Finger, das so schön ist, dass es doch wieder Lust auf Shoppen macht – und zwar in einem der sieben Diakonia-Shops in und um München. Dort landet alles, was hochwertig und in einwandfreiem Zustand ist, aber für die Flüchtlinge nicht benötigt wird. Freiwillige können sich Ihr Lieblingsteil reservieren und kaufen, bevor es im Regal landet.

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So läuft die Spendensortierung ab:

  • Beim ersten Mal bekommt man eine sehr freundliche Einweisung vom fantastischen Diakonia-Team, das erklärt, was gebraucht wird und was nicht, worauf man achten soll und wie das doch beeindruckend organisierte Sortier-System funktioniert.
  • Riesige Container mit unsortierten Spenden werden von den Diakonia-Mitarbeitern gebracht, für Nachschub ist ständig gesorgt. Ich habe mich meist durch 2-3 Container pro Tag gearbeitet.
  • Beim Sortieren suchen wir primär die Artikel von der (meist recht kurzen) Bedarfsliste. Die Kleidung wird in die Bayernkaserne gebracht, wo sie als Erstausstattung an die Flüchtlinge ausgegeben wird. Das heißt, dass hauptsächlich praktische Alltagskleidung gebraucht wird. Die Artikel müssen neuwertig und sauber sein, denn die Flüchtlinge haben keine Möglichkeit, die Klamotten zu waschen, bevor sie sie anziehen. Außerdem sollte der Zustand absolut einwandfrei sein – weder verschlissen, noch verwaschen, denn wenn die Flüchtlinge schon wenig haben, soll das Wenige wenigstens dazu beitragen, dass sie sich gut fühlen und nicht, als würden sie die Ausschussware unserer Überfluss-Gesellschaft tragen.
  • Die große Mehrheit der Spenden wird aussortiert. Entweder, weil die Qualität den hohen Anforderungen (siehe oben) nicht gerecht wird oder weil die Artikel nicht auf der Bedarfsliste stehen. Dinge wie zum Beispiel perfekt erhaltene Abendkleider, Designer-Anzüge oder Klamotten in „falschen“ Größen, kommen zu den Diakonia-Shops, alles andere kommt anderen wohltätigen Zwecken zugute, wie zum Beispiel der Kleiderkammer der Inneren Mission München.
  • Anfangs ist es etwas entmutigend, wenn aus den meisten Kleidersäcken, die sortiert werden, nur ein Kleidungsstück übrig bleibt, aber wenn man sich anschaut, was im Laufe eines Tages alles zusammen kommt – und vergegenwärtigt, dass auch die „Ausschussware“ nicht einfach weggeschmissen wird – dann darf man sich trotzdem freuen. Zwischendrin findet man dann auch immer wieder eine Tüte voll mit richtig tollen Artikeln, die allesamt auf der Bedarfsliste stehen und freut sich dann wie ein Schnitzel
  • Womit wir beim Spaß wären. Der kommt nämlich bei der ganzen Sache nicht zu kurz. Es sind immer nette Leute da, mit denen man sich nebenher unterhalten, über besonders skurrile Spenden-Fundstücke amüsieren und zwischendrin eine Kaffeepause machen kann. Bei der Spendenausgabe in der Bayernkaserne hat man zusätzlich den direkten Kontakt zu Flüchtlingen, was für die Helfer dort auch eine wichtige Motivation ist.

Und was bringt das alles?
Als ich letztes Jahr, wie immer an Weihnachten, im Namen meiner Kunden ein Spenden-Geschenk machen wollte, habe ich Willkommens-Pakete für Flüchtlinge gewählt. Ein Redakteur schrieb mir darauf hin, dass er die Geste zu schätzen wisse, aber dass er persönlich lieber Projekte unterstützt, die dort helfen, wo man noch verhindern kann, dass Leute überhaupt flüchten müssen. Ist auch ein schöner Ansatz, hilft aber den Leuten nicht, die jetzt bei uns auf der Matte stehen, oft nach wochen- oder monatelanger Flucht. Die brauchen jetzt eben saubere Klamotten, Hygieneartikel und eine Grundausstattung für ihre Kinder. Die bekommen sie dank der Diakonia. Das ist nicht nur eine praktische Hilfe, sondern auch eine symbolische Geste. Sie trägt dazu bei, dass die Menschen, die momentan bei uns eintreffen, sich willkommen fühlen. Wenn ich dazu einen klitzekleinen Teil beitragen kann, dann freut mich das. Wenn Andere das auch wollen, dann hilft ihnen mein Erfahrungsbericht hoffentlich, es einfach mal auszuprobieren.

*Dass es nicht schön ist, dass Menschen aus Ihrer Heimat fliehen müssen, ist selbstverständlich. Ich fände es auch super, wenn wir hier keine Flüchtlinge hätten. Wenn es überhaupt keine Flüchtlinge gäbe, nirgends. Wenn Menschen aus Syrien, dem Sudan und Eritrea nur deswegen nach München kommen würden, weil sie einen tollen Job (und ganz problemlos die dazugehörige Arbeitsgenehmigung) bekommen haben oder diese schöne Stadt einfach mal besuchen wollten. Wenn diese Menschen keinen anderen Grund hätten, ihre Heimat zu verlassen, als dass sie eben Lust drauf haben. Das wäre schön.

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