Hauptbahnhofundhopp

Patrick Wolf live at Club Koko, London*

Patrick Wolf schreibt Melodien, die ihre Eingängigkeit erst offenbaren, wenn sie hier, in einem brechend vollen, stickigen Club in Camden, von mehreren hundert unbekümmerten Fankids mitgeschmettert werden.

Auf der Bühne zeigt sich überhaupt erst, dass die augetüftelten Songs geschmettert werden können. Spätestens dieser Auftritt stellt klar, dass der Indie-Darling jetzt auch in Pop macht. Das fängt schon beim schnödesten Werkzeug der Bühnenshow an: ein Headset hält ein kleines schwarzes Mikro in Richtung Mundwinkel, auf dass der Künstler seine Hände frei habe für den vollen Körpereinsatz, den eine gute Popshow verlangt. Denn Patrick Wolf wird die geballten Fäuste in die schwüle Luft stoßen, sich das Hemd vom Leib und die Perücke vom Kopf reissen, sich auf die Knie werfen und auch sonst mehr Ausdruckstanz als Affektiertheit darbieten. Da würde ein Mikro in der Hand nur stören.

Sobald die Leder-Feder-Pailletten-und-Perücken-geschmückte Popdiva die Bühne betritt, ist dann auch keine Geste zu groß, keine Intonation zu pathetisch, keine Choreographie zu  gekünstelt. Die Show ist groß. Die Bühne ist klein. Das Publikum reagiert zuerst verhalten. Dass eine Showeinlage, die bei einem Stadionkonzert zum kleinen Livemusik-Einmaleins gehört, auf einer Clubbühne ziemlich befremdlich wirken kann, muss man nicht erst gesehen haben, um es zu verstehen. Wo bleibt denn da die Ironie? Wo ist das gekünstelte Desinteresse, das wir von anderen Indie-Bands kennen?

Patrick Wolf macht aber keine halben Sachen und wenn er jetzt den großen Entertainer macht, dann machen wir alle wohl oder übel mit, denn seinem inbrünstigen Vortrag kann sich keiner entziehen. Bis zum dritten Lied ist die anfängliche Fremdscham überwunden und wir schämen uns nicht mal mehr für uns selbst, als wir inbrünstig mitsingen, mitklatschen und insgeheim überlegen, ob wir nicht alle ein bißchen mehr Federn und Pailletten tragen sollten.

*Jetzt doch eine „richtige“ Konzertkritik. 1. anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums von Patrick Wolf. 2. als Hausaufgabe für meinen Schreibkurs, also warum nicht auch hier.

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