Irland im Herbst

Weil alle denken, dass das Wetter in Irland immer schlecht ist, ist das Wetter in Irland immer besser, als alle denken. Außerdem ist es auch ziemlich oft schöner als in München.

Dieses Foto und dieses Video wurden Ende Oktober beim Cork Jazz Festival gemacht, bei 15°, strahlendem Sonnenschein, und einem spontanen Live-Konzert der May Day Jazzband auf der Grand Parade in Cork, wo wir gerade unseren Frühstücks-Kaffe bestellt hatten. In München waren zur selben Zeit 8° und Nieselregen.


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Ich war mal Teil einer Jugendbewegung*

Mit 13 hatte ich ein kleines musikalisches Schlüsselerlebnis. Ich habe eine Band – und durch sie eine ganze Musikrichtung – ganz allein, ohne fremde Hilfe und nur für mich entdeckt. Davor gab es: die Musik, die meine Eltern hörten (danke Papa, für die Beatles; danke Mama, für Elton John), die Musik, die meine Freunde hörten (ein paar Jahre zwanghaftes Grunge-Gutfinden), die Musik aus den Schlagern der Woche (pfui).

Und dann gab es plötzlich: Blur. Durch die eine britische Band entdeckte ich andere britische Bands und wurde vom Blur-Fan zum Britpop-Fan. Erstaunlich unreflektiert für die Tochter einer irischen Mutter dekorierte ich mein Zimmer mit Union Jacks, trug Royal Air Force-Buttons und kritzelte “I love Britpop” auf mein Federmäppchen. Ich bin bis heute dankbar, dass ich mich diese ganze unvermeidliche, im Nachhinein peinliche, Teenie-Fan-Phase wenigstens für eine gute Band lächerlich gemacht habe. Ich kaufte mir jedes Album und jede Single (auch die Japan-Imports), ich sammelte Artikel aus NME, Melody Maker (aber auch aus Smash Hits) und als Blur in München spielten, war ich eine Stunde vor Einlass da, um in der ersten Reihe zu stehen. Nach dem Konzert schleppte ich eine leere Wasserflasche heim, aus der Damon Albarn getrunken hatte.

Nie davor und nie wieder danach konnte ich mich so für eine Band begeistern. Und nur deswegen war ich bereit, gestern 12 Euro zu bezahlen, um gemeinsam mit den Helden meiner Jugend meine (musikalische) Jugend Revue passieren zu lassen.

Natürlich erfuhren wir in “No Distance Left To Run”, dass wir, die Teenie-Mädchen in der ersten Reihe, es waren, die die Band-Mitglieder Mitte der 90er an den Rande des Alkoholismus getrieben hatten. Dass die Idole unserer Jugend heute von sich sagen, dass sie damals selbst nur Kinder gewesen seien. Und dass sie, wie man an diesem Schmachtfetzen von einer Rockumentary sieht, unsere Nostalgie teilen.

*mixed metaphor?

Flashbox flasht nicht so (Erobique dafür umso mehr)

Flashbox, der neue Club im hoffnungslosen Hypegefuchtel ums Sendlinger Tor, will die Clubszene im Viertel so richtig aufmischen. Die Flashbox soll “die Szene bereichern” und es soll – obacht, revolutionär – nicht nur ums “Tanzen, sondern auch verstärkt um Kunst und Kultur” gehen. Tatsächlich scheint es eher eine Zweite Liga zu werden, die den Gästeüberschuss der umliegenden Clubs abschöpfen wird. Damit die sich nicht an zu viel Neues gewöhnen müssen, sieht es aus wie nebenan: schick, modern, kalt und ungemütlich. Das Personal macht mangelnde Kompetenz mit hoher Attraktivität und niedrigem Alter wett.

Einziger Lichtblick ist die LED-Wand, die wir aber irgendwo schon mal gesehen haben…? Allerdings war es ein echt gute Idee, sie statt am Boden an die Wand zu montieren, denn gestern war sie genau die richtige Kulisse für den wunderbaren Auftritt von Erobique:

erobique live in München

erobique Flashbox München

erobique Flashbox live

Um die Effektivität der optischen Untermalung noch besser zu demonstrieren, hier das wahrhaft ergreifende Michael Jackson-Tribut von Erobique Read more…

Cocorosie live in München

Cocorosie waren am Sonntag in München, aber irgendwie hat es keiner mitbekommen? Und dann war das Konzert trotzdem ausverkauft? Keine Ahnung. Jedenfalls waren Cocorosie wie gehabt – zu gleichen Teilen enervierend, faszinierend, langatmig und kurzweilig, und gerade, wenn man denkt, dass es heute doch etwas langweilig wird, fängt es an, richtig Spaß zu machen.

Die Soundlieferanten Kinderspielzeug, Megaphon, Kettengerassel und was sonst noch so aus der Trickkiste gezaubert wird, gehören zwar schon zum Standardrepertoire, aber statt Beatboxer treten Bianca “Coco” und Sierra “Rosie” diesmal mit Drummer auf. Coco klingt noch mehr wie Nanny Fine als üblich und Rosie schmeißt sich mit Inbrunst und großer Gestik in die Rolle der dramatischen Chanteuse. Beide pflegen konsequent den Schwestern-Mythos: Sie sehen aus, als hätten Sie in Muttis Kleiderschrank oder der Faschingskiste gekramt und sich gegenseitig zum ersten Mal geschminkt; die an die Rückwand projizierten Bilder wirken eher wie eine Aneinanderreihung von Insider-Witzen als allgemein verständliche symbolische Songuntermahlung. Aber auch, wenn sich mir die visuelle Logik von Cocorosie-Konzerten nicht erschließt, überzeugt die Musik ganz für sich und der Spannungsbogen ist nach knapp zwei Stunden so gespannt, dass sich die zwei Zugaben gar nicht vermeiden lassen.

cocorosie-epOb die spontan erworbene EP (die nur auf der Tour käuflich zu erwerben ist) “Coconuts, Plenty of Junk Food” nur vom Titel, oder auch vom Inhalt her, lecker klingt, hat ein erstes Anhören nicht eindeutig ergeben. Bis zum nächsten Cocorosie-Konzert hab ich mich entschieden.

Patrick Wolf live at Club Koko, London*

Patrick Wolf schreibt Melodien, die ihre Eingängigkeit erst offenbaren, wenn sie hier, in einem brechend vollen, stickigen Club in Camden, von mehreren hundert unbekümmerten Fankids mitgeschmettert werden.

Auf der Bühne zeigt sich überhaupt erst, dass die augetüftelten Songs geschmettert werden können. Spätestens dieser Auftritt stellt klar, dass der Indie-Darling jetzt auch in Pop macht. Das fängt schon beim schnödesten Werkzeug der Bühnenshow an: ein Headset hält ein kleines schwarzes Mikro in Richtung Mundwinkel, auf dass der Künstler seine Hände frei habe für den vollen Körpereinsatz, den eine gute Popshow verlangt. Denn Patrick Wolf wird die geballten Fäuste in die schwüle Luft stoßen, sich das Hemd vom Leib und die Perücke vom Kopf reissen, sich auf die Knie werfen und auch sonst mehr Ausdruckstanz als Affektiertheit darbieten. Da würde ein Mikro in der Hand nur stören.

Sobald die Leder-Feder-Pailletten-und-Perücken-geschmückte Popdiva die Bühne betritt, ist dann auch keine Geste zu groß, keine Intonation zu pathetisch, keine Choreographie zu  gekünstelt. Die Show ist groß. Die Bühne ist klein. Das Publikum reagiert zuerst verhalten. Read more…

Patrick Wolf Live und in Leder

Ich hab mit meiner großen Klappe einen Patrick Wolf-Konzertbericht versprochen. Das Konzert haben andere jetzt schon ausführlichst (und sehr gut) besprochen, aber mein Senf darf natürlich nicht fehlen.

Es war wie bei jedem Patrick Wolf-Konzert. Erstmal weiß man nicht, was einen erwartet, weil er sich bei jedem Album und jedem Live-Programm neu erfindet. Diesmal stand die Club Kid/S&M/Gareth Pugh-Schlampe Patrick auf der Bühne. Der Vollblutkünstler macht natürlich keine halben Sachen,weswegen keine Geste zu groß, keine Intonation zu pathetisch sein kann.

Meistens ist man von dieser Theatralik des Hyper-Camp erstmal peinlich berührt. Nur so ein bisschen. Aber der Inbrunst des Vortrags kann sich keiner entziehen und am Ende kreischen auch die harten Indie-Jungs. die am Anfang noch amüsiert gelächelt haben. Read more…

Munich ist the greatest HipHop city in the motherfuckin world….

…sprach Chuck D (ich paraphrasiere) und sogar die größten HipHop-Fans Münchens haben kurz gezögert: “Echt jetzt, Chuck? Im Ernst? München?” Aber wer so schamlos um die Gunst des Publikums buhlt, der bekommt sie auch, also haben sich einfach alle gefreut, dass sie in so einer verdammt phatten Stadt wohnen und das Public Enemy Konzert konnte losgehen.

flavaflavmunchen

(für die jüngeren Leser: Public Enemy ist eine Art Nebenprojekt von Flava Flav, bei dem er gelegentlich Musik macht, wenn er nicht damit beschäftigt ist, auf MTV unter mehreren Frauen mit dem IQ eines feuchten Tampons die “Liebe” “seines” “Lebens” auszusuchen).

Um das 20jährige Jubiläum der Ersterscheinung ihres Albums “It Takes a Nation of Millions to Hold us Back” zu feiern (und um uns dran zu erinnern, wie verdammt alt wir alle sind) haben Public Enemy einfach mal das ganze Album runtergespielt. Auch wenn man für den schlecht abgemischten Sound, die sträflich vernachlässigte Liveband, die tiefen Griffe in die Klischeekiste und den bereits angesprochenen Hang zur Publikumsanbiederei Abstriche macht, war es ein fantastisches Konzert, das uns erinnert hat, warum

flavaflavmunchenlive1.  sich wirklich jeder Musikfan jenseits der 25 mit einem feuchten Auge an Public Enemy erinnert und

2. sich immer noch und immer wieder Menschen für Flava Flav interessieren.

Der Mann macht zwar modisch keine Experimente (Superman-Tee, Baggy Pants, Cap, Küchenuhr und gut is), hat dafür Bühnenpräsenz, Spaß an der Sache, und hat mit der grenzdebilen gleichnamigen Figur aus Flavor of Love so wenig gemeinsam, dass man mal wieder eindrucksvoll erinnert wird, dass “Reality TV” mit Realität ungefähr so viel zu tun hat wie DSDS mit Superstars.

Er lässt sich auch noch auf eine absurde Diskussion mit dem Publikum über das P1 als Veranstaltungsort der After Show Party ein (wenig beliebt beim Backstage-Publikum, wer hätte das gedacht?) und verabschiedet sich mit ein paar Platitüden (George Bush ist böse, Frieden ist gut, Rassismus ist scheiße), aber die alten Platitüden sind halt immer noch die besten. Seht selbst…